Der hohe Anspruch

Vor mir liegt das Blatt mit den Klausurfragen und in meinem Kopf fangen die Gedanken an zu rasen. Wie soll ich das alles in der kurzen Zeit schaffen? Wo fange ich am besten an? Wie soll ich das formulieren? Das muss gut werden! Ich darf nicht versagen! Mir fallen die Worte nicht ein. Um mich herum sind bereits alle am Schreiben. Oh nein, ich muss mich beeilen. Mir wird übel und ich möchte am liebsten den Raum sofort verlassen.
Sophie, 24 Jahre, Studentin der Rechtswissenschaften

Wie Sophie geht es auch anderen Studierenden. In ihrem Kopf kreisen viel zu viele Gedanken rund um die Prüfungssituation. Anstatt sich mit den Fragen der Klausur zu beschäftigen und sich darauf zu konzentrieren, ist ihr Denken damit beschäftigt, wie es überhaupt zu schaffen ist, und vor allem, dass das Ergebnis unbedingt gut werden muss. Wie kommt das? Es liegt auf der Hand, dass dies hinderlich ist, während Sophie sich doch eigentlich auf die gestellten Fragen einstellen sollte. Anderen Studierenden gelingt es hingegen, sich überwiegend auf die Prüfungsfragen zu konzentrieren. Was macht diesen Unterschied aus? Sophie setzt gerade dies noch weiter unter Druck: „Um mich herum sind bereits alle am Schreiben.“ Sie vergleicht sich also mit ihren Kommilitonen. Sophie ist es besonders wichtig, dass das Ergebnis ihrer Klausur sehr gut ist. Wahrscheinlich hat sie bereits eine Note im Kopf. Sie möchte nicht versagen. Woher kommt diese Angst? Welche Erlebnisse in Sophies Vergangenheit können Erklärungsansätze für ihre Befürchtungen liefern? In meiner Familie war es immer sehr wichtig, gut in der Schule zu sein. Für Einser habe ich immer 5 Euro von meinem Vater bekommen. Ich war eine sehr gute Schülerin. Wenn ich als Beste in einer Klassenarbeit abgeschnitten habe, war mein Vater immer besonders stolz. Mein großer Bruder hingegen war schlecht in der Schule. Ich habe oft mitbekommen wie mein Vater ihn angeschrien hat, wenn er eine Drei mit nach Hause gebracht hat. Das war wirklich unangenehm. Im Jurastudium gibt es leider keine Einser mehr. Darüber wird Zuhause auch oft diskutiert. Ich erkläre immer, dass ich aber trotzdem zu den Besten in meinem Jahrgang gehöre. Ich möchte später unbedingt ein Prädikatsexamen schreiben. Nachvollziehbar, dass Sophie gerne weiterhin so erfolgreich sein mochte. Die Beziehung zu ihren Eltern ist ihr sehr wichtig und sie hat Angst, sie zu enttäuschen. Wie viele andere Menschen wünscht sie sich, dass ihre Angehörigen stolz auf sie sind. Kinder haben gewisse Grundbedürfnisse, die sich auch bis ins Erwachsenenalter nicht verändern (vgl. z. B. Young & Klosko, 2012). Zu diesen Bedürfnissen gehört das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Wertschätzung. In Familien, und so scheint es sich bei Sophie verhalten zu haben, in denen Wertschätzung und Anerkennung zu einem gewichtigen Anteil von der Leistung in Schule, Sport oder Ähnlichem abhängig gemacht werden, kann sich ein hoher Anspruch an die eigene Person und Leistungsfähigkeit entwickeln. Belohnungen für gute Leistungen sind generell nichts Verkehrtes, allerdings ist es wichtig, dass Kinder auch dann spüren, dass sie geliebt und angenommen sind, wenn die Leistung mal nicht so überragend ausfallen sollte. Wir sind alle nur Menschen und keine Maschinen, und selbst Maschinen haben einmal Ausfälle und müssen regelmäßig gewartet werden. Zuneigung sollte nicht von Leistung abhängig gemacht werden. Jeder Mensch möchte und sollte geliebt werden, einfach nur weil er so ist wie er ist: ohne Bedingungen! Ein hohes Leistungsmotiv kann auch Motor und Motivator sein, um sich diszipliniert mit dem Lernen der Studieninhalte zu befassen. Letztendlich geht es aber immer darum, eine Balance zu schaffen und den Selbstwert nicht einseitig auf nur einen Aspekt bzw. eine Säule zu stützen. Am sichersten stehen wir in unserem Leben dann, wenn nicht nur unser beruflicher Erfolg bestimmt, ob wir uns selbst gut bewerten, sondern wir uns unabhängig von dem Aspekt „Leistung“ akzeptieren. Ein weiteres kindliches Grundbedürfnis ist das Bedürfnis nach bedingungsloser Liebe. Im Erwachsenenalter bedeutet dies auch, sich selbst bedingungslos zu akzeptieren. Das ist leichter gesagt als getan. Du hast aber in deinem Leben bestimmt Bereiche, in denen du dich mit dir wohlfühlst, ohne dass du dir irgendetwas beweisen musst. Hobbies zum Beispiel. Vielleicht tut es dir gut, einfach mal nur Musik zu hören, ein gutes Buch zu lesen, oder mit deinen Freunden Zeit zu verbringen. Es geht um den Ausgleich, darum, auch andere Dinge im Leben zu haben, die sich gut anfühlen und in denen du dich mit dir selbst wohlfühlst. Dieser Punkt kann insbesondere in der Prüfungsvorbereitung eine gewichtige Rolle einnehmen. Wenn der Leistungsdruck auf die eigene Person zu groß wird, kann es zu vermehrter Prüfungsangst kommen. Langfristig schädlich ist diese Angst dann, wenn der eigene Selbstwert ausschlieslich von den Noten abhangt. Das heist in unserem Beispiel: Sophie fuhlt sich als Gesamtperson wertlos, wenn sich ihre Notenwunsche nicht erfullen. In einem Fall wie diesem ist es wichtig zu lernen, den eigenen Selbstwert neu und moglichst unabhangig von den Leistungen zu definieren. Dazu ist es, wie oben erwahnt, forderlich, wenn der Selbstwert auf mehreren Saulen fust. Mehr dazu erfahrst du in Schritt 5. Wie aber umgehen mit den Erwartungen der Familie und unserer Pragung? Sich vollig davon freizumachen ist naturlich schwierig. Wenn es zudem, wie in Sophies Fall, immer wieder zu Diskussionen in der Familie kommt, wenn die Noten „nicht stimmen“, wird es umso schwieriger, sich von den Erwartungen der anderen zu distanzieren. Wenn dies innerhalb der Familie denkbar ist, kann ein offenes Gesprach helfen. Man kann die Familienmitglieder uber den Druck, den man sich selbst bereits macht, aufklaren und darum bitten, dass diese eher unterstutzend zur Seite stehen und nicht noch mehr Druck von ausen aufbauen. In Sophies Fall kann es vielleicht auch hilfreich sein, mit ihrem Bruder uber sein Empfinden und seine Wahrnehmung der Familienregel: „Nur Leistung zahlt!“ zu sprechen. Da er scheinbar oft die „Buhmann-Rolle“ inne hatte, hat er vielleicht Strategien entwickelt, um sich von den 28 Schritt 2: Warum ich? Erwartungen der Eltern abzugrenzen und seinen Selbstwert zu schutzen. Voneinander zu lernen ist immer ein guter Weg. Auserdem fuhlt man sich weniger allein und hilflos, wenn man seine Sorgen mit jemandem teilen kann. Wenn Gesprache mit den Familienmitgliedern nicht denkbar sind oder nicht zu einer Veranderung fuhren, bleibt nur, innerlich fur sich selbst einen anderen Umgang mit den Erwartungen der Familie zu finden. Dies geschieht unter anderem, indem man das eigene Wohlbefinden und nicht die pure Leistung in den Mittelpunkt ruckt. In der Phase der Prufungsvorbereitung und auch in der Prufungssituation. Das bedeutet allerdings nicht, nichts mehr zu lernen und somit die Auseinandersetzung mit der Prufung zu vermeiden. Im Gegenteil: Es geht eher darum, sich gut vorzubereiten und wahrenddessen immer wieder zu uberprufen, ob den eigenen Bedurfnissen ausreichend Rechnung getragen wird. Abschliesend ist wichtig zu sagen, dass es nicht darum geht, gar keinen Anspruch an die eigene Leistung und das Abschneiden in Prufungen zu haben. Wir leben selbstverstandlich in einer leistungsorientierten Gesellschaft und unser Bildungssystem baut auf dem Prinzip, Prufungen zu absolvieren auf. Dem kann man sich nicht entziehen und das ist auch nicht notwendig. Sicher tut es uns und unserem Selbstwert auch gut, wenn wir Prufungen erfolgreich absolvieren und auf unserem beruflichen Weg voranschreiten. Um einen Platz in bestimmten Studienfachern zu ergattern oder einen Master- Studienplatz zu bekommen, sind oft sogar bestimmte, „gute“ Noten Pflicht. Das Wichtigste im Moment der Prufung ist jedoch den Blick freizubekommen auf das, worum es in der Prufung eigentlich geht: den Inhalt, die Fragen. Es geht in dem Moment der Prufung nicht darum, ob die Kommilitonen schon am Schreiben sind, ob die Eltern hinterher mit der Note zufrieden sein werden oder ob die Zeit zum Beantworten der Fragen ausSchritt 2: Warum ich? 29 reicht. Wenn du deine Prufungsvorbereitung gut strukturierst, wirst du mit der Zeit auch bestmoglich klarkommen. Wenn dein Selbstwert auf mehreren Saulen fust, wird dich auch ein Misserfolg nicht vollig aus der Bahn werfen. Das heist, du wirst nicht zunehmend mehr Angst vor Prufungen bekommen, da du die Situation realistischer einstufen kannst. Und trotzdem kannst und darfst du den Wunsch haben, erfolgreich durch dein Studium zu schreiten. Hier liegt kein Widerspruch. Es geht sogar viel leichter, wenn du es einfach tust und nicht so viel nachgrubelst. Dafur solltest du dich zunachst intensiv mit deinen Erwartungen und Annahmen auseinandersetzen. Beantworte fur dich die folgenden Fragen, am besten, indem du deine Antworten aufschreibst: Wie ist dein Anspruch? Was ist deine Geschichte, was sind deine Erfahrungen und Regeln bezuglich dieses Aspektes?

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