Der Klügere liest rot.

Lesen und behalten Teil 2

Die letzten beiden Schritte „Recite“ und „Review“ fordern dazu auf, den Textinhalt in unterschiedlicher Granularität wiederzugeben. Während das „Recite“ durchaus breiter angelegt ist und auch dazu anhält, die (selbst) gestellten Fragen erneut zu beantworten, geht es beim „Review“ eher um einen konzentrierten Rückblick, bei dem Sie Inhalte bündeln und zusammenfassen, gleichsam auch die wichtigsten Gesichtspunkte noch einmal Revue passieren lassen. Sie können das Gelesene in Gedanken durchgehen, in eigenen Worten wiedergeben oder aber eine schriftliche Form der Zusammenfassung, ein Exzerpt, erstellen. Dabei lassen sich auch bildhafte Elemente wie beispielsweise eine Tabelle, ein Schema oder eine Mind-Map hinzufügen.

Zusammenfassungen sind in starkem Maße davon abhängig,  welche Inhalte in welcher Form geprüft werden. Ist eine Prüfung stark auf Reproduktion von Fakten – also im Wesentlichen auf Auswendiglernen – ausgerichtet, dann muss man sich in der Regel mehr Details notieren, als wenn man verstehensorientiert geprüft wird. Aber auch Details können logische Verbindungen aufweisen, sodass sich die Inhalte über gute Rekonstruktionshilfen (Kap. 4.1–4.4) erschließen lassen. Natur- und ingenieurwissenschaftliche Disziplinen arbeiten in hohem Maße mit Formeln und Gesetzen, die zentrale Konzepte verdichten; von daher wird der Schreibaufwand hier möglicherweise geringer sein als bei geistes- oder sozialwissenschaftlichen Fächern. Aber auch in diesen Disziplinen kann verständnisorientiert gelernt werden, beispielsweise indem Strukturhilfen für das Aufzeigen von Zusammenhängen und Querverbindungen genutzt werden. Fast überflüssig zu sagen: Je umfangreicher die Lernunterlagen, desto konzentrierter wird die Zusammenfassung in der Regel sein.

Die PQ4R-Technik umfasst im Grunde genommen drei Blöcke:
1. Preview & Question
= Vorausschau & Fragen: Text überfliegen, sich orientieren, Überblick gewinnen; einfache Fragen zum Text formulieren;
2. Read & Reflect = Lesen & Nachdenken: lesen, markieren, Notizen anfertigen, Fragen beantworten, verknüpfen, assoziieren, Beispiele bilden;
3. Recite & Review = Wiedergeben & Ruckblicken: Inhalt wiedergeben, Fragen erneut beantworten, zusammenfassen, wichtigste Aspekte benennen.

Diese Art der Verdichtung ist sicher sinnvoll, weil wohl selten jemand ein sechsschrittiges Verfahren dezidiert abarbeitet, ohne die Schrittfolge bewusst zu beachten. Zudem ist die PQ4R-Technik in dieser geblockten Form vergleichsweise leichter merk- bzw. abrufbar. In Bezug auf Prüfungen ist noch eine Erweiterung dieser Technik sinnvoll: die Formulierung von Prüfungsfragen. Diese lassen sich auf zweierlei Weise gewinnen: Im nunmehr ersten Schritt „Preview & Question“werden Fragen an den Text formuliert, die möglicherweise – falls sie nichtzu allgemein formuliert sind – bereits als Prüfungsfragen herhalten können. Der größere Teil der Prüfungsfragen wird dann aber im zweiten Schritt „Read & Reflect“ gewonnen, wenn der Text auch mit Blick auf die Prüfung gelesen wird. Dabei können Sie mögliche Aufgaben bzw. Fragen entweder direkt aus dem Text ableiten oder aber eben mit Bezug zum Text selbst entwickeln. Auf diese Weise erhalten Sie einen Aufgaben- bzw. Fragenkatalog, den Sie beispielsweise auf Karteikarten – evtl. auch in elektronischer Form – notieren. Im dritten Schritt „Recite & Review“ können Sie dann Ihr Wissen abrufen und die selbst gestellten Prüfungsfragen beantworten. Während Sie sich auf diese Weise intensiv mit dem Stoff auseinandersetzen – und ggf. eine kritische Distanz zu den Inhalten einnehmen –, können Sie auch weitere Aufgaben generieren und hinzufügen.Einige Hinweise zur Intensivierung des Leseprozesses seien noch angefügt:

> Der vorgeschlagene drei- bzw. sechsstufige Leseprozess ist idealtypisch. In der Realität werden Sie den Zyklus mehrere Male durchlaufen und dabei immer präziser im Textverständnis, der Beantwortung der Fragen und dem Aufstellen möglicher Aufgaben werden. Manches Mal werden Sie auch eine Stufe zurückgehen, um sich über den Inhalt zu vergewissern. Sie arbeiten sich sozusagen in den Text hinein, und von Mal zu Mal wird das Verständnis tiefer, und die Zusammenhänge werden offensichtlicher.

> Eine spezielle Art des Überblickslesens besteht darin, von jedem Absatz den ersten Satz oder die ersten beiden Satze zu lesen.

> Fragen lassen sich auch aufstellen, indem Sie die Überschriften der Kapitel bzw. Abschnitte als Fragen formulieren.

> Bei wichtigen Textstellen kann es hilfreich sein, wenn Sie versuchen, laut zu denken und dabei Ihre Überlegungen zu versprachlichen. Auf diese Weise erklären Sie sich die Inhalte selbst und merken sofort, was leicht geht und wo Sie noch nacharbeiten müssen.

> Eine hilfreiche Grundhaltung ist es, den Text so zu lesen, als müssten Sie ihn hinterher jemand anderem erzählen. „Der junge Jean Paul war sich beim Lesen scheinbar ständig bewusst, dass er am Abend von den drei Erwachsenen gefragt werden wurde, was er gelesen und verstanden habe. So war er laufend gezwungen, sich das Gelesene zurechtzulegen und sich klar geordnete Vorstellungen zu machen.“

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