Der Klügere liest rot.

Lesen und behalten Teil 3

So wie es hilfreiche Haltungen bzw. Techniken beim Lesen gibt, gibt es natürlich auch Stolpersteine beim Lesen bzw. Lese-Irrtümer:

> Auch beim Lesen kann man der Verstehensillusion erliegen: Gerade wenn man einen Text bereits mehrfach gelesen hat – mit ihm also zumindest oberflächlich vertraut ist –, kann man der Illusion verfallen, das Gelesene nun auch verfügbar und abrufbar zu haben. Hier hilft die Probe aufs Exempel: Was können Sie wirklich schon benennen, erklären und erfolgreich bearbeiten?

> Auf eine spezifische Form oberflächlicher Verarbeitung beim Lesen weist Gerd Mietzel hin: „Wenn man Schuler oder Studierende auffordert, einen Text ‚langsam und sorgfältig‘ zu lesen, muss mit einer oberflächlichen Verarbeitung gerechnet werden.“ Dies liegt wohl daran, dass die Konzentration auf die korrekte Wiedergabe und Artikulation der einzelnen Wörter von den Inhalten ablenkt. Dies ist eine Sonderform des „Split-Attention“- Effekts (Kap. 2.1).

> Einen Roman liest man in der vorgegebenen Reihenfolge, also „eins nach dem anderen“ bzw. linear. Ein Fachbuch hingegen muss man eher hierarchisch angehen, um die vielfältigen Bezüge, Zusammenhange und Ordnungen zu erfassen.
Vieles von dem, was für das Lesen von Büchern gilt, lässt sich auf das Lesen von webbasierten Hypertexten übertragen. Doch bevor diese Überlegungen vorgestellt werden, sind einige Hinweise bezüglich der Besonderheiten von Hypertextenund audiovisuellen Informationsangeboten angeraten:

> Häufig wird vermutet, dass die netzwerkartige Darstellung von Informationen in Hypertexten einen Lernvorteil an sich darstellt, wobei dann oft mit dem ebenfalls netzwerkartigen Aufbau der Wissensrepräsentationen im Gedächtnis argumentiert wird. Doch die Annahme, dass diese Vernetzungen für das Lernen grundsätzlich förderlich seien, lässt sich empirisch nicht bestatigen. Zudem scheint es so zu sein, dass die angebotenen Verzweigungen qua Hyperlink zu einer erheblichen Desorientierung der Lernenden führen können. Man spricht hier auch vom „Lost-in-Hyperspace“- Phänomen.

> Vergleicht man das Lernen aus Hypertext mit dem Lernen aus einem gut aufbereiteten traditionellen Text – beispielsweise einem Lehrbuch –, dann stellt sich heraus, dass das Lernen aus herkömmlichen, in Papierform vorliegenden Texten dem Lernen aus Hypertext in der Regel überlegen ist – und zwar sowohl im Verständnis als auch hinsichtlich der vorliegenden Fakten und Konzepte. „Bei geringem Vorwissen schneiden Lernende mit Hypertext sogar erheblich schlechter ab als Lernende eines gegliederten Lehrbuchtextes.“

Obgleich die Erwartungen hinsichtlich der Wirkungen von netzwerkartigen Hyperlink-Darstellungen in der Regel überschätzt werden, können sie doch – sinnvoll eingesetzt – das Lernen punktuell gut unterstutzen. Dazu muss man wissen, dass die genannten Schwierigkeiten insbesondere bei solchen Lernenden auftreten, die entweder über eine (a) geringe Erfahrung im Umgang mit computerbasierten Medien oder (b) ein nur schwach ausgeprägtes thematisches Vorwissen verfugen. In der heutigen Zeit sind Studierende Internet-sozialisiert, sodass eine diesbezügliche Erfahrung bzw. Kompetenz vorausgesetzt werden darf. Damit wird das Vorwissen zur relevanten Größe beim Lernen im und mit dem Internet. Wer bereits über fachliche Vorkenntnisse verfügt, kann sich generell besser im Internet und speziell besser in Hypertexten orientieren. Demzufolge kann es eine grobe Empfehlung sein, zunächst stärker auf die traditionelle Textform zurückzugreifen und dann sukzessive auch die webbasierten Hypertexte in das Lernen einzubeziehen.
Hinsichtlich des Umgangs mit audiovisuellen Informations- und Lernangeboten sei ebenfalls darauf hingewiesen, dass die Erwartungen an diese mediale Form häufig die Effekte deutlich übertreffen:

> „Text-Bild-Schere“: Bereits 1975 hat Bernhard Wember in einer Studie über Informationssendungen im Fernsehen („Wie informiert das Fernsehen?“) zeigen können, dass die Einschätzungen der Lerneffekte von fachlich- informativen Sendeangeboten durch Fernsehkonsumenten nicht mit dem im Anschluss an die Sendungen abgefragten Verständnis bzw. der erworbenen Sachkenntnis zusammengehen. Zwar wurden die Sendungen tendenziell als „sehr informativ“ eingeschätzt, doch waren die gemessenen Lerneffekte eher bescheiden. Der Begriff „Text-Bild-Schere“ bezeichnet hierbei das häufig festzustellende inhaltliche Auseinanderklaffen von gezeigten Bildern und gesprochenen Worten.

> Lernen aus Texten vs. Lehrfilme: Ähnliche Effekte werden in Studien berichtet, die das Lernen über Lehrfilme mit dem Lernen aus Texten vergleichen. Zwar empfand die Fernsehgruppe ihr Lernen als deutlich leichter als die Textgruppe, doch schnitt die Lesegruppe im anschließenden Test deutlich besser ab. Dies scheint auch ein Hinweis darauf zu sein, dass die Lernleistung vom kognitiven Aufwand, der sich in der gefühlten Lernanstrengung niederschlagt, abhängig ist.

Lesen und Behalten (mit Buch und Internet) – so darf man zusammenfassend feststellen – werden gelingen, wenn Sie den eingangs erwähnten Hinweise folgen: Vor dem Lesen: das Lesen vorbereiten. – Während des Lesens: gezielt lesen – Nach dem Lesen: das Gelesene nachbearbeiten und wiederholen. Diese Hinweise gelten sowohl für das traditionelle Printbuch wie für Texte in elektronischer Form. Als Grundregel sei noch hinzugefügt: Je weniger Sie von einer naiven Abbildwirkung ausgehen und je mehr Sie auf das Selbsterschließen von Texten setzen, desto höher wird in der Regel auch Ihr Behaltenserfolg sein.