Der Klügere liest rot.

Prüfungsangst – Der hohe Anspruch

Wie Sophie geht es auch anderen Studierenden. In ihrem Kopf kreisen viel zu viele Gedanken rund um die Prüfungssituation. Anstatt sich mit den Fragen der Klausur zu beschäftigen und sich darauf zu konzentrieren, ist ihr Denken damit beschäftigt, wie es überhaupt zu schaffen ist, und vor allem, dass das Ergebnis unbedingt gut werden muss. Wie kommt das?
Es liegt auf der Hand, dass dies hinderlich ist, während Sophie sich doch eigentlich auf die gestellten Fragen einstellen sollte. Anderen Studierenden gelingt es hingegen, sich überwiegend auf die Prüfungsfragen zu konzentrieren. Was macht diesen Unterschied aus?
Sophie setzt gerade dies noch weiter unter Druck: „Um mich herum sind bereits alle am Schreiben.“ Sie vergleicht sich also mit ihren Kommilitonen.
Sophie ist es besonders wichtig, dass das Ergebnis ihrer Klausur sehr gut ist. Wahrscheinlich hat sie bereits eine Note im Kopf. Sie möchte nicht versagen. Woher kommt diese Angst? Welche Erlebnisse in Sophies Vergangenheit können Erklärungsansätze für ihre Befürchtungen liefern?

Nachvollziehbar, dass Sophie gerne weiterhin so erfolgreich sein mochte. Die Beziehung zu ihren Eltern ist ihr sehr wichtig und sie hat Angst, sie zu enttäuschen. Wie viele andere Menschen wünscht sie sich, dass ihre Angehörigen stolz auf sie sind. Kinder haben gewisse Grundbedürfnisse, die sich auch bis ins Erwachsenenalter nicht verändern (vgl. z. B. Young & Klosko, 2012). Zu diesen Bedürfnissen gehört das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Wertschätzung. In Familien, und so scheint es sich bei Sophie verhalten zu haben, in denen Wertschatzung und Anerkennung zu einem gewichtigen Anteil von der Leistung in Schule, Sport oder ähnlichem abhängig gemacht werden, kann sich ein hoher Anspruch an die eigene Person und Leistungsfähigkeit entwickeln. Belohnungen für gute Leistungen sind generell nichts Verkehrtes, allerdings ist es wichtig, dass Kinder auch dann spüren, dass sie geliebt und angenommen sind, wenn die Leistung mal nicht so überragend ausfallen sollte.

Ein hohes Leistungsmotiv kann auch Motor und Motivator sein, um sich diszipliniert mit dem Lernen der Studieninhalte zu befassen. Letztendlich geht es aber immer darum, eine Balance zu schaffen und den Selbstwert nicht einseitig auf nur einen Aspekt bzw. eine Säule zu stützen. Am sichersten stehen wir in unserem Leben dann, wenn nicht nur unser beruflicher Erfolg bestimmt, ob wir uns selbst gut bewerten, sondern wir uns unabhängig von dem Aspekt „Leistung“ akzeptieren. Ein weiteres kindliches Grundbedürfnis ist das Bedürfnis nach bedingungsloser Liebe. Im Erwachsenenalter bedeutet dies auch, sich selbst bedingungslos zu akzeptieren. Das ist leichter gesagt als getan. Du hast aber in deinem Leben bestimmt Bereiche, in denen du dich mit dir wohlfühlst, ohne dass du dir irgendetwas beweisen musst. Hobbies zum Beispiel. Vielleicht tut es dir gut, einfach mal nur Musik zu hören, ein gutes Buch zu lesen, oder mit deinen Freunden Zeit zu verbringen. Es geht um den Ausgleich, darum, auch andere Dinge im Leben zu haben, die sich gut anfühlen und in denen du dich mit dir selbst wohlfühlst. Dieser Punkt kann insbesondere in der Prüfungsvorbereitung eine gewichtige Rolle einnehmen. Wenn der Leistungsdruck auf die eigene Person zu groß wird, kann es zu vermehrter Prüfungsangst kommen. Langfristig schädlich ist diese Angst dann, wenn der eigene Selbstwert ausschließlich von den Noten abhängt. Das heißt in unserem Beispiel: Sophie fühlt sich als Gesamtperson wertlos, wenn sich ihre Notenwunsche nicht erfüllen. In einem Fall wie diesem ist es wichtig zu lernen, den eigenen Selbstwert neu und möglichst unabhängig von den Leistungen zu definieren. Dazu ist es, wie oben erwähnt, förderlich, wenn der Selbstwert auf mehreren Säulen fußt.

Wie aber umgehen mit den Erwartungen der Familie und unserer Prägung? »