Der Klügere liest rot.

Übertreibungen

Jede Übertreibung lässt auf eine unausgesprochene Wertung schließen. Wenn Sie von einer wahnsinnig langen Zeit, einem sagenhaft kostspieligen Event, einem unwahrscheinlich großen Aufwand, einer wohl verdienten Strafe oder einem absolut überzeugenden Argument sprechen, steckt dahinter ein subjektives Urteil. Wissenschaftliche Texte dagegen müssen ihre Wertungen begründen und sich vor Über- oder Untertreibungen hüten. Bei allen Steigerungsformen sollten Sie daher überlegen, ob die einfache Grundform des Adjektivs für Ihre Behauptung nicht genau so aussagekräftig ist.

Ebenso sollten Sie Wörter wie leider, zum Glück nur gebrauchen, wenn Sie die damit verbundenen Wertungen begründen können. Auch Formulierungen wie nie, immer, in jedem Fall, überhaupt, insgesamt, optimal, maximal, vollkommen, einzig, alle, sämtliche, keine, überhaupt, grundsätzlich sollten Sie mit Vorsicht verwenden, weil Sie damit absolute Aussagen treffen, die sich so selten belegen lassen.

Adjektive, die in der Umgangssprache gern ausschmückend gebraucht werden, dienen in wissenschaftlichen Texten vor allem der Präzisierung. Fragen Sie sich deshalb, bevor Sie ein Adjektiv setzen, ob es einen Begriff tatsächlich näher bestimmt oder einen Sachverhalt verdeutlicht, wenn nicht, lassen Sie es weg. In den folgenden Beispielen dienen die Adjektive zur Präzisierung und sind deshalb notwendig:

»Die alten Bundesländer unterscheiden sich von den neuen Bundesländern. Gutartige Zellveränderungen reagieren anders als bösartige. Kapillares Blut ist von venösem zu unterscheiden.«

Adjektive sind auch im Fachvokabular unverzichtbar: naturräumliche Gliederung, zircadiane Rhythmen, kontaminierte Lösung, niedermolekulare Stoffe. Dagegen sind gewaltige Veränderungen, empörende Maßnahmen, haarsträubende Entwicklungen und tolle Argumente in wissenschaftlichen Texten fehl am Platz.

Nicht nur Übertreibungen, sondern auch vage Charakterisierungen sind ungeeignet, weil ihnen die notwendige Klarheit und Genauigkeit wissenschaftlicher Aussagen fehlt: hohe Kosten müssen präzisiert werden; ökologische Maßnahmen verlangen eine genauere Erklärung; weitreichende Entscheidungen sind in ihren Auswirkungen zu belegen.

Oft schleichen sich auch gängige Floskeln in einen Text ein, ohne dass die Schreiberin es merkt, weil diese Wendungen in der Umgangssprache üblich sind: feste Überzeugung, entscheidende Frage, grundlegende Überlegung, ein Sturm der Entrüstung, eine Welle der Begeisterung. Auch Adjektive, die eine Aussage des Substantivs übernehmen, sind meistens unnötig: im redaktionellen Bereich statt in der Redaktion oder in erzieherischen Zusammenhängen statt in der Erziehung.

Die falsche Zuordnung von Adjektiven führt vor allem bei zusammengesetzten Substantiven zu Missverständnissen: eine gentechnisch veränderte Tabakpflanzenzüchtung meint die Züchtung gentechnisch veränderter Tabakpflanzen, die hochsensible Datenermittlung arbeitet nicht etwa mit hochsensiblen Methoden, sondern ermittelt hochsensible Daten.