Der Klügere liest rot.

1.2 Thema und Fragestellung

Sobald Sie den Auftrag analysiert haben, müssen Sie sich eingehender mit der inhaltlichen Planung befassen. Dabei leisten Sie erste wichtige Vorarbeiten, bevor Sie mit der eigentlichen Arbeit beginnen können.

Wie komme ich zu einem geeigneten Thema?

Abhängig vom Schreibauftrag ist entweder das Thema und vielleicht auch die Fragestellung vorgegeben oder Sie müssen die inhaltliche Ausrichtung Ihrer Arbeit selbst definieren. Beides hat seine Tücken. Wird Ihnen das Thema vorgegeben, sollten Sie abklären,wie viel Spielraum Sie darin haben. Vielleicht können Sie die Ausrichtung innerhalb des Themas selbst wählen, wie das bei Hausarbeiten der Fall sein kann. Oder das Thema ist bereits so eingegrenzt, dass Sie genau wissen, was Sie zu tun haben. Letzteres kommt in gewissen Fächern vor oder in dem Fall, wenn die Abschlussarbeit Teil eines Forschungsprojekts ist. Können Sie das Thema selbst bestimmten, klären Sie ab, ob es in Zusammenhang mit einer Veranstaltung stehen muss oder Sie es frei wählen dürfen. In beiden Fällen können Sie Ihren Interessen und Ihrer Neugier nachgehen. Beschäftigen Sie sich nicht freiwillig mit Dingen, die Ihnen Mühe bereiten oder die Sie nicht motivieren, darüber zu forschen. Damit würden Sie sich nur unnötige Steine in den Weg legen.

Kann ich dazu wissenschaftlich arbeiten?

Diese Frage stellt sich insbesondere bei selbst gewählten Themen. Vorgegebene Themen sind in der Regel so definiert, dass sie wissenschaftlich bearbeitet werden können. Während sich grundsätzlich alles  wissenschaftlich erforschen lässt, hängt die Erforschbarkeit davon ab, aus welcher Perspektive Sie das tun wollen und unter welchen Bedingungen. Die folgenden Fragen helfen herauszufinden, ob und wie sich ein Thema wissenschaftlich bearbeiten lässt.

Existiert genügend Literatur zum Thema?

Ohne Forschungsliteratur wird es schwierig, ein Thema zu bearbeiten. Wissenschaftlich zu schreiben, heißt nämlich stets, die eigenen Überlegungen und Resultate auf die Forschungsliteratur zu beziehen. Sie benötigen also andere Forschungen in schriftlicher Form, auf denen Sie Ihre Argumente und Diskussionen aufbauen können. Ein Buch oder zwei Artikel dürften in den meisten Fällen zu wenig sein, um wissenschaftlich über ein Thema schreiben zu können. Wählen Sie das Thema und den Fokus also so, dass Sie über eine ausreichende Auswahl an Texten verfügen. Sie können das mit einer vorläufigen, groben Literaturrecherche überprüfen (vgl. Kap. 2).

Soll ich selbst (empirische) Forschung betreiben?

Zusätzlich zur Sichtung und Auswertung von Forschungsliteratur, müssen Sie klären, ob und in welchem Umfang Sie selbst Forschung betreiben müssen oder wollen. Das bedeutet, dass Sie qualitative oder quantitative Daten erheben, auswerten und angeben, von welchen Quellen diese Daten stammen (z.B. Interviews, Umfragen, Messungen aus Experimenten o.Ä.). Das hängt mit dem Schreibauftrag und Ihrem Thema zusammen und erfordert entsprechende methodische Kenntnisse.

Wie gliedert sich meine eigene Forschung in die Literatur ein?

Diese Frage ist wichtig, weil sie darüber Auskunft gibt, ob Sie sich mit den relevanten Forschungsarbeiten kritisch befasst haben. Schreiben Sie eine Dissertation oder einen anderen Text, der am Ende publiziert wird, ist diese Eingliederung in einen Forschungsdiskurs unabdingbar. Aber auch in Haus-, Bacheloroder Masterarbeiten machen Sie nichts falsch, wenn Sie sagen, welche Literatur es zu Ihrem Thema und Ihrer Fragestellung gibt. Finden Sie zwar Literatur, können Ihre Arbeit aber dazu nicht in Beziehung setzen, müssen Sie möglicherweise Ihr Thema überdenken.

Wie breit oder eng muss das Thema sein, um die Vorgaben zu erfüllen?

Ein Thema zu wählen, das Sie wissenschaftlich bearbeiten können, mag auf den ersten Blick nicht schwierig sein. Die angemessene „Größe“ des Themas zu finden, kann herausfordernd sein. Wie breit oder eng ein Thema gewählt werden muss, kann von den folgenden drei Parametern abhängen:
• Textumfang: Für eine Hausarbeit von 15 Seiten wird ein Thema enger und spezifischer definiert sein, als es für eine längere Bachelor- oder Masterarbeit erforderlich ist.
• Zeit: Es macht einen Unterschied, ob Sie für eine Arbeit zwei Monate, sechs Monate oder drei Jahre zur Verfügung haben. Je länger Sie Zeit haben, desto vertiefter werden Sie sich mit einem Thema befassen.
• Zweck: Der Zweck eines Textes kann Einfluss auf die Breite oder Tiefe des Themas haben. Dies hängt mit der Textsorte zusammen, also ob es sich beispielsweise um eine Literaturübersicht, eine Präsentation von Forschungsergebnissen in Form eines Artikels, eine Buchbesprechung oder einen Essay handelt.

Wie grenze ich mein Thema ein?

Angenommen, Sie erhalten ein Oberthema, dann müssen Sie dieses selbst auf eine der Schreibaufgabe angemessene Größe eingrenzen. Wie tun Sie das? Sie können eine Themenkaskade erstellen, um das Thema in seine relevanten Einzelteile zu zerlegen (in Anlehnung an den Themenbaum von Kruse 2007: 123 ff.; vgl. auch Esselborn-Krumbiegel 2014: 54 ff. zum Themenfächer).
Dazu entscheiden Sie, welche
• zeitlichen,
• räumlichen,
• sozialen,
• theoretischen,
• methodischen
oder anderen Dimensionen das Thema ausmachen sollen. Hier ein fiktives Beispiel: Statt eine Hausarbeit zum Thema „Machtkonstellationen in der Schule“ zu schreiben, brechen Sie das Thema herunter:

Schule – Macht – Deutschland – 1990er Jahre – Sprachunterricht – Sekundarstufe – Beziehung Lehrer/Schülerinnen – Diskursanalyse nach XYZ.
Sie können für ein und dasselbe Oberthema verschiedene solcher Kaskaden anfertigen, um zu sehen, welche Kombination sich am besten für Ihre Arbeit eignet. Von der Themenkaskade können Sie eine vorläufige Fragestellung ableiten. Für unser Beispiel hieße das: „Welche Machtkonstellationen herrschten im Sprachunterricht in der Sekundarstufe in Deutschland der 1990er Jahre zwischen Lehrern und Schülerinnen vor?“ Ebenso können Sie bereits einen Arbeitstitel formulieren: „Machtkonstellationen im Sprachunterricht in der Sekundarstufe in Deutschland der 1990er Jahre zwischen Lehrern und Schülerinnen. Eine Diskursanalyse nach XYZ“. Das klingt doch schon spezifischer und besser umsetzbar für eine Hausarbeit als lediglich „Machtkonstellationen in der Schule“.

Wozu benötige ich eine Fragestellung?

Wissenschaftliche Forschung zielt darauf ab, noch Unbekanntes zu ergründen. Dazu werden Fragen gestellt, auf die (vorläufige) Antworten gegeben werden. Jede wissenschaftliche Arbeit verfügt deshalb über eine Fragestellung, die dieser eine klare Ausrichtung gibt. Die Fragestellung hat dabei einen zweifachen Zweck. Sie hilft Ihnen …
• … während des Arbeitsprozesses, den Fokus zu behalten und zu entscheiden, was zur Bearbeitung der Frage relevant ist (Literatur, Methoden, Theorien).
• … beim Beschreiben der Antwort oder der Resultate, denn die Fragestellung bildet die Basis für den berühmten roten Faden, der sich unsichtbar durch Ihren Text zieht. Die Fragestellung bietet sowohl Ihnen als auch Ihren Lesenden einen Fokus (vgl. Kap. 3). Ob Sie mit einer Fragestellung oder mehreren arbeiten, entscheiden entweder Sie selbst oder der Schreibauftrag. Sie können dazu eine Hauptfragestellung formulieren und passende Teilfragen ableiten.

Wie muss ich die Frage formulieren, damit sie wissenschaftlich erforschbar ist?

In der Forschungsliteratur, die Sie vorbereitend sichten, finden Sie stets eine Fragestellung, die den Text einleitet. In manchen Texten wird sie tatsächlich als Frage formuliert, in anderen muss man sie selbst aus dem Fließtext ableiten, weil sie nicht als solche erkennbar ist. Beim Lesen dieser Texte sehen Sie, wie Fragen in Ihrem Fach gestellt und formuliert werden. Handelt es sich um Fragen, die mit „Wie“, „Weshalb“, „Inwiefern“, „Was“ oder anderen Wörtern beginnen? In Texten Ihres Faches sehen Sie ebenso, wie breit oder spezifisch die Fragen ausfallen. Spätestens wenn Sie Ihre Fragestellung mit der Betreuungsperson besprechen, werden Sie erfahren, ob sie dem Fach angemessen formuliert ist.

Benötige ich eine These oder Hypothese?

Ob Sie eine benötigen oder nicht, sollte aus Ihrem Schreibauftrag ersichtlich sein. Im Zweifelsfalle fragen Sie bei der Betreuungsperson nach oder prüfen, was in Ihrem Fach üblich ist. Hier nur ein paar generelle Hinweise.
Wenn Sie Ihre Fragestellung gefunden haben, können Sie daraus eine oder mehrere Thesen oder Hypothesen ableiten (selbstverständlich funktioniert das auch anders herum). Die Fragestellung wird dadurch zu einer Behauptung, die eine Annahme über die Antwort oder das Resultat darstellt.
Eine These stellt eine (kontroverse) Behauptung dar, die Sie mit Ihrem Text untermauern wollen. Zu diesem Zweck führen Sie Argumente, Beweise, Resultate u.a. an. Die These, die Sie in der Einleitung Ihres Textes formulieren, bildet zusammen mit Ihrer Fragestellung das Fundament Ihrer Argumentation. Thesen findet man in der Regel in Texten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, mit denen neue Erkenntnisse präsentiert werden. Um Thesen entfalten sich wissenschaftliche Kontroversen. Eine Hypothese ist demgegenüber eine Vermutung über einen Zusammenhang oder eine Wirkung, die überprüft werden soll. Diese kann sich im Laufe der Forschung vorläufig als richtig oder falsch erweisen. In der Einleitung wird die Hypothese beschrieben (teilweise anstelle einer Frage). Hypothesen unterscheiden sich von Thesen insofern, als sie zum Beispiel eine „wenn-dann“- oder „je-desto“-Beziehung beschreiben. Hier ein fiktives Beispiel zum Unterschied zwischen These und Hypothese:
• These: Tiere verfügen über ein Bewusstsein.
• Hypothese: Wenn Tiere über eine Hirngröße von mehr als 10 cm Umfang verfügen, dann besitzen sie ein Bewusstsein.

Wie hängen die Methode und die Theorie mit der Fragestellung zusammen?

Der Zusammenhang mit der Methode oder der Theorie klingt womöglich bereits in der Fragestellung an. Interessieren Sie sich zum Beispiel für einen physikalischen Zusammenhang, benötigen Sie eventuell eine experimentelle Methode, die quantitative Daten produziert. Geht es in einer Befragung um Verbesserungsvorschläge, müssen diese mit einer qualitativen Methode ausgewertet werden. Die Methode muss zur Fragestellung passen. Ebenso muss die Theorie zur Fragestellung passen. Diese muss in der Art und Weise, wie Sie die Frage formulieren, implizit oder explizit darin enthalten sein. Je nach Begriffswahl, werden Sie auf die eine oder andere Theorie verweisen. Die Theorie bildet die „Brille“, mit der Sie die Welt als Forschungsgegenstand betrachten: Gewisse Dinge werden Sie sehen, andere jedoch nicht. Und zuletzt sollten Methode und Theorie aufeinander abgestimmt sein. Wählen Sie die Methode so, dass sie solche Daten liefert, die von der Theorie „gesehen“ werden können. Es macht keinen Sinn, beispielsweise eine quantitative Methode zu verwenden, wenn die Theorie für die Analyse qualitativer Nuancen geschaffen wurde.